Die Dohle – Vogel des Jahres 2012

Der NABU hat die Dohle (Coloeus monedula) zum Vogel des Jahres gekürt, weil aus den meisten Regionen Deutschlands inzwischen rück­läufige Bestandszahlen gemeldet werden. Mit ihrer Wahl soll insbeson­dere auf die Gründe für den Bestandsrückgang und die dies-bezüglichen Hilfsmöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Hans-Georg Bommer stellt den diesjährigen Jahresvogel vor.

 


Name

Ihr Gattungsname „Coloeus“ leitet sich von dem griechischen Wort für „gestutzt“ ab. Diese Bezeich­nung erklärt sich aus dem relativ kurzen Schnabel der Art. Der Art­name „monedula“ (Mönchlein) steht im Zusammenhang damit, dass ihre graue „Kapuze“ im Kopf-Hals-Bereich der Kleidung von Dorfpriestern ähnelte. In Conrad Gesners Vogelbuch von 1555 (in lateinischer Sprache), 1669 über­setzt ins Deutsche von Georg Horst, wird sie unter den Namen „Tole“ bzw. „Tol“ beschrieben. Diese Namen leiten sich wahr­scheinlich von „tallen“ (= schwätzen) ab, was sich auf die Geschwätzigkeit des Vogels be­zieht. In Erkelenzer Mundart ist der Name „Doel“ gebräuchlich.

 

Verwandtschaft und Status

Die Dohle gehört der Ordnung der Singvögel (Passeriformes) und der Familie der Krähenverwandten (Corvidae) an. Ihre nächste Ver­wandte in Mitteleuropa ist die Alpendohle, die der derselben Gattung Coloeus angehört. Im Kreis Heinsberg ist die Unterart Coloeus monedula spermologus (spermologus = Samenleserin) heimisch. Sie ist hier Brut- und Jahresvogel. Die Dohle tritt während der Zugzeiten im Früh­jahr und Herbst als Durchzügler bzw. im Winterhalbjahr als Winter­gast aus Nord- und Osteuropa auf, darunter auch mit weiteren Unter­arten aus den nordöstlichen Ge­bieten.

(juv. Dohlen, Foto: M. Vollborn, NABU)
(juv. Dohlen, Foto: M. Vollborn, NABU)

Als weitere Unterarten sind die nordische Nominalform „monedula“ (siedelt in Skandinavien) und die östliche Halsband-Dohle „soemmeringii“ (aus Osteuropa) zu nennen. Erstere ist durch die hellere Graufärbung des Nackens und die Halsband-Dohle durch einen weißen Halsseitenfleck gekenn­zeichnet. Halsband-Dohlen werden bei uns eher selten beobachtet.

 

Aussehen und Stimme

Die Dohle gehört mit 33 - 34 cm Länge und einem Gewicht von 174 - 233 g zu den mittelgroßen Vögeln in Deutschland (etwa taubengroß). Nur auf den ersten Blick trägt sie ein schwarzes Federkleid. Erst bei näherem Hin­sehen und bei Sonnenschein er­kennt man metallisch schillernde Farben, was auf die Struktur der Federn zurückzuführen ist. Hinter­kopf, Nacken und Ohrdecken sind silbergrau gefärbt. Sehr auffällig sind ihre hellblauen bis weißen Augen. Das Gefieder der Jungvögel ist leicht bräunlich ge­färbt. Dohlen sind zwar Singvögel, jedoch kann von Singen kaum die Rede sein, wenn die Männchen ihren leisen, schwätzenden „Ge­sang“ hören lassen. Gleichwohl verfügen Dohlen über ein vielfälti­ges Lautspektrum, von denen „kja“ oder „kjak“, „schack“ oder „kjöck“ besonders markant sind.

Dohlen sind sehr lernfähig, können auch ausgezeichnet imitieren und lernen es sogar, menschliche Worte nachzuahmen. Im Laufe ihres Lebens erlernen sie häufig neue Laute.

 

Verbreitung, Lebensraum und Wanderungen

Die Dohle besiedelt ganz Europa mit Ausnahme des hohen Nordens. Im Osten endet ihr Ver­breitungsgebiet in Zentralasien und der Mongolei, im Süden in Nordafrika. Die Dohlen Mitteleuro­pas sind weitgehend Standvögel. Ein geringer Teil der heimischen Vögel, meist Jungvögel, überwintert im Mittelmeerraum. Der zahlenmäßig weitaus größte Teil unserer heimischen Dohlen lebt in unseren Städten und Dörfern, wo sie in Nischen und Löchern von Gebäuden jeglicher Art, u.a. auch Schornsteinen, nisten. Sie nutzen aber auch ge­eignete Höhlen in Bäumen, Fels­wänden und Steinbrüchen, so dass sie auch außerhalb von Siedlungsgebieten als Brutvogel angetroffen werden können, wenngleich hier in recht geringer Zahl.

Für einen guten Brutbestand ist grundsätzlich Voraussetzung, dass im Umfeld des Brutplatzes ein ausreichendes Nahrungsangebot bestehen muss. Den Nahrungsbe­darf kann die Dohle am besten auf Grünland und abgeernteten Äckern decken.

Bestand und Verbreitung in Europa (Karte: BirdLife International)
Bestand und Verbreitung in Europa (Karte: BirdLife International)

Bestand und Bestandsschwan­kung

Die Dohle hat in Deutschland sehr wechselhafte Bestandsentwicklun­gen hinter sich. Im 20. Jahrhundert konnte sie sich mehrfach ausbrei­ten, weil sie zunehmend verstädterte und insbesondere nach dem 2. Weltkrieg das Ange­bot an Nistplätzen zugenommen hatte. Laut Edmund Knorr (1967 in „Die Vögel des Kreises Erkelenz“) war sie vor 4-5 Jahrzehnten, also in den 20er Jahren, im damaligen Kreis Erkelenz nur an wenigen Stellen Brutvogel.

Dohlengruppe (Foto: Falk, NABU)
Dohlengruppe (Foto: Falk, NABU)

Im Handbuch der deutschen Vogelkunde von Günther Niethammer (1937) wird sie zwar als weit verbreitet in Wäldern und felsigen Gegenden angegeben, sie fehle vielfach aber auch aus kaum erklärbaren Gründen. Verschiedene Autoren (H.E. Wolters 1954, E. Knorr 1967, H. Mildenberger 1984, U. Glutz von Blotzheim 1993, Bauer/Bezzel/Fiedler 2005), ) sind sich einig darin, dass die Dohle nach dem 2. Weltkrieg eine be­sonders starke Vermehrung erfahren hat, insbesondere in Nordrhein-Westfalen. H.E. Wolters (1954) hat sie für den Kreis Geilenkirchen-Heinsberg als recht häufigen Brutvogel erwähnt. E. Knorr (1967) hat sie für den Kreis Erkelenz während der 50er Jahre als häufigen Brutvogel angegeben. Mit dem Aufbau der zerstörten Städte endete die Phase der starken Vermehrung. Bereits in den 60er Jahren wurden im Rahmen ornithologischer Erfassungen starke Bestandsrück­gänge im Rheinland registriert. Ab den 70er Jahren ist es hier zu lokal unterschiedlichen Entwicklungen (teils stabile, teils rückläufige Be­stände) gekommen. In anderen Bundesländern (z.B. Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern) sind demgegenüber drastische Be­standsrückgänge eingetreten, so dass die Dohle heute dort in den Roten Listen der gefährdeten Vogelarten steht. In Brandenburg ist sie sogar schon in die Gefähr­dungskategorie 1 (vom Aussterben bedroht) gesetzt worden.

Nur im Nordwesten Deutschlands halten sich derzeit noch stabile, größere Brutbestände. Auch im Kreis Heinsberg ist dies derzeit der Fall (wahrscheinlich mehr als 1000 Brutpaare – grob geschätzt). Nahezu alle Ortschaften können als besiedelt angesehen werden.

 

Der aktuelle Brutbestand für Deutschland wird mit ca. 100.000 Brutpaaren angenommen. Die große Masse dieser Vögel brütet in menschlichen Siedlungen. Baum- und Felsenbrüter sind leider nur noch in sehr geringen Brutbeständen zu finden und vielerorts schon gänzlich ver­schwunden, so dass ihnen besondere Aufmerksamkeit zu gelten hat.

 

Fortpflanzung

Dohlen sind meistens erst mit 2 Jahren geschlechtsreif, aus­nahmsweise auch schon nach 1 Jahr. Sie führen eine monogame Dauerehe. Die Besetzung der Neststandorte kann sich von Mitte März bis Anfang Mai hinziehen. Das Paar wählt gemeinsam den Nistplatz. Nistplatztreue ist ver­breitet. Das Nest wird aus Zwei­gen, Reisig und Moos gebaut.

Legebeginn der Eier ist von Ende März bis Anfang April. Das Gelege kann 4-6 Eier umfassen. Die Eier­farbe ist sehr variabel (von dunkelblaugrün bis rahmweiß). Die Eier werden vom Weibchen bebrütet. Die Brutdauer beträgt in der Regel 16 - 19 Tage. Das Weibchen wird in dieser Zeit vom Männchen gefüttert. Die Nest­lingszeit beträgt 30 – 35 Tage. Die Jungen werden noch bis 4 Wochen lang von ihren Eltern betreut. Es findet nur eine Jahres­brut statt.

Viele der Jungvögel überleben das erste Lebensjahr nicht. Immerhin werden aber 30-40 % der Jungvö­gel geschlechtsreif (eine relativ hohe Rate). Ein Höchstalter von ca. 20 Jahren ist nachgewiesen. Gefangenschaftsvögel sind schon bis 29 Jahre alt geworden.

 

Nahrung

Dohlen sind Allesfresser. Sie leben von pflanzlicher und tierischer Nahrung vielerlei Art. Besonders wichtig sind proteinreiche Insekten, die für die Aufzucht der Jungen benötigt werden. Naturnahen Offenlandflächen kommt insoweit eine besondere Bedeutung zu.

 

Historisches

Die ersten literarischen Erwähnungen der Dohle gehen auf die Antike zurück. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) hat sie in seiner „Geschichte der Tiere“, die als Grundstein für die wissenschaftli­che Zoologie gilt, „Lycon“ genannt. Nach den Darstellungen im Vogel­buch Conrad Gesners (1555) ist insbesondere das Verhalten der Dohle weitgehend richtig be­schrieben worden.

 

Zeichnung: Gabriele Einstein, NABU
Zeichnung: Gabriele Einstein, NABU

Sie sei sehr schwatzhaft und niste in hohen Türmen. Sie niste außerdem „auff“ hohen und hohlen Bäumen, wobei auf einem Baum zuweilen 7 beflogene Nester seien. Unklar ist hierbei, ob auch das Brüten in Offennestern gemeint war. Hierzu ist anzumerken, dass nach heuti­gen Erkenntnissen der Neststand in aller Regel überdacht ist, ver­einzelt jedoch auch Offennester genutzt werden. Man wusste im Mittelalter auch, dass Dohlen sehr lernfähig sind und insbesondere menschliche Laute erlernen können. Sie hätten es auch gern, wenn sie auf dem Kopf gekrault werden. Zwei Kapitel beschreiben den Fang von Dohlen und den Ge­schmack ihres Fleisches. Zu letzterem heißt es: „Die junge Tolen sind gut zu essen, wenn man ihnen die Haut sambt den Federn abzeucht.“

Aber auch abergläubische Vor­stellungen waren mit der Dohle verbunden. Würden Dohlen in Scharen aus dem Wald fliegen, so künde dies von einem unfruchtba­ren Jahr. Wenn sie spät von der Weide fliegen, wäre dies ein Hin­weis auf ein nahendes Ungewitter. Schreien am Abend oder helle Stimmen zeigten Regen an. Ab­wechselndes Hoch- und Tieffliegen bedeute ebenfalls Regen und Kälte.

Gefährdung

1) In den vergangenen Jahrzehn­ten wurden viele Gebäude renoviert oder isoliert. Außerdem verschloss man Kirchtürme, Kamine und Brutnischen, um Straßentauben fernzuhalten. Dadurch haben sich die Nistmöglich­keiten der Dohlen drastisch ver­schlechtert.

 

2) Das Umland der Siedlungen und sonstigen Brutstandorte hat sich stark verändert. An den Orts­rändern sind Wiesen und Viehweiden weitgehend verdrängt worden. Wo Grünlandflächen ver­blieben, sind diese durch die „modernen“ Bewirtschaftungs­formen artenarm geworden. Die Ackergebiete unterliegen bis auf geringe Ausnahmen der Intensiv­landwirtschaft. Monotone Anbau­formen u. a. zwecks Energiege­winnung setzen sich im immer stärkeren Maße durch. Im Rahmen dieser Entwicklungen sind zunehmend naturnahe Land­schaftsstrukturen, wie u. a. arten­reiche Gehölze, Hecken, Feld­raine und Brachen verschwunden. Der Einsatz von Pestiziden und Beizmitteln hat zu weiteren Ein­schränkungen im Nahrungsange­bot geführt. Die Nahrungsarmut auf all diesen Flächen hat die nahrungsökologische Situation der Dohle dramatisch verschlechtert.

 

3) In den heimischen Wirtschafts­wäldern sind höhlenreiche Alt­bäume recht selten. Aufgrund dieser Situation sind an vielen Stellen die Baumbrüterbestände der Dohle zusammengebrochen.

Dohlenflug (Foto: Falk, NABU)
Dohlenflug (Foto: Falk, NABU)

Schutzmaßnahmen

Jeder, der über Grundbesitz ver­fügt, hat die Möglichkeit, etwas für die Verbesserung des Lebens­raumes der Dohlen zu tun, wie im Folgenden beschrieben ist:

 

Durch Ausbringen von Nistkästen außerhalb und innerhalb von Ge­bäuden sowie an Bäumen kann der Nistplatzarmut in den Lebens­räumen der Dohle (Siedlungen und Wälder) erfolgreich entgegen­gewirkt werden.

  • Öffnen von Einschlupflöchern und Nischen an Gebäuden (u. a. an Kirchen, Türmen)
  • Bau- und Sanierungsarbeiten müssen außerhalb der Brutzeit stattfinden.
  • Abkehr von der Sterilität in unseren Siedlungen (u.a. in Gärten, Parks und Friedhöfen) zwecks Verbesserung der Nahrungs­grundlage der Dohlen
  • ökologische Verbesserung des Umfeldes unserer Siedlungen bzw. der umliegenden Feldlandschaften (siehe Gefährdung, Nr. 2)
  • ökologisch verträglichere Bewirt­schaftung unserer Wälder durch besseren Schutz höhlenreicher Altbäume
  • besserer Schutz von Brutfelsen (Sperrung für Kletterer während der Brutzeit)

Von den vorgenannten Maßnahmen werden auch eine Reihe weiterer schützenswerter Tierarten, die in demselben Lebensraum zu finden sind, profitieren. Beispielhaft werden erwähnt: Fledermäuse, Bilche, Hohltauben und Eulen.   

 

Dohlennistkasten  (Foto: NABU Verbandsnetz)
Dohlennistkasten (Foto: NABU Verbandsnetz)

Literatur

Glutz von Blotzheim, Urs & K.M. Bauer (1980), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 9, S. 733 ff., Aka-demische Verlagsgesellschaft Wiesbaden

Bauer, H.G., W. Fiedler & E. Bezzel (2006), Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 1, 2. Auflage, Aula-Verlag

Niethammer, Günther (1937), Hand­buch der Deutschen Vogelkunde, Bd. 1, Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig

Mildenberger, Heinz (1984), Die Vögel des Rheinlandes, Band 1, Kilda-Verlag Greven

Michael Wink, Christian Dietzen & Benedikt Gießing (2005), Die Vögel des Rheinlandes (Nordrhein), Band 36, Romneya Verlag und Verlag NIBUK

Knorr, Edmund (1967): Die Vögel des Kreises Erkelenz, Gesellschaft für Buchdruckerei AG, Neuß

Gesner, Conrad (1555/1669): Vogel­buch, Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, 1995

 

Weitere Infos im Internet unter:

 

www.nabu.de

Naturblatt 2017

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Fledermäuse im Kreis Heinsberg

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