Der Grünspecht

von Hans Georg Bommer

 Sein Lebensraum sind halboffene  Wälder, Streuobstwiesen, Parks,  Gärten und städtische Brachflächen.  Foto: NABU/ Tom Dove
Sein Lebensraum sind halboffene Wälder, Streuobstwiesen, Parks, Gärten und städtische Brachflächen. Foto: NABU/ Tom Dove

Mit dem Grünspecht (Picus viridis) hat der NABU eine Vogelart zum Vogel des Jahres 2014 gekürt, die im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten seit den 90er Jahren im Bestand zugenommen hat.

 

Mit der Vorstellung dieser interessanten Vogelart und ihres Lebensraumes kann aber auch deutlich gemacht werden, dass es manchem seiner Artgenossen sehr viel schlechter geht und die Positiventwicklung des Grünspechts leider nur eine seltene Ausnahme darstellt. Außerdem gibt es im Lebensraum des Grünspechts besonders viele schützenswerte und teils gefährdete Tierarten.

 

Name und Verwandtschaft

Der Name „Specht“ stammt aus dem Althochdeutschen „speht“ (spehen = spähen). Sein wissenschaftlicher Name „Picus viridis“ läßt seine Zugehörigkeit zur Gattung der Erdspechte (Picus) erkennen und weist auf seine Färbung (hauptsächlich grün) hin.

 

Der Grünspecht gehört der Ordnung der Spechte (Piciformes) und der Familie der Spechtverwandten (Picidae) an. Sein nächster Verwandter, der Grauspecht (Picus canus) – ebenfalls ein Erdspecht, wird im Rheinland nur noch sehr selten als Brutvogel festgestellt. Von den entfernter verwandten Baumspechten kommen im Rheinland der häufige Buntspecht (Picoides major), der vergleichsweise seltene Kleinspecht (Picoides minor), der spärlich verbreitete Mittelspecht (Picoids medius), der Schwarzspecht (Dryocopus martius) – unsere größte Spechtart – und der sehr seltene Wendehals (Jynx torquilla) vor.

 

Aussehen und Stimme

Der Grünspecht ist mit 30 - 36 cm Länge und einem Gewicht von 150 - 220 g die zweitgrößte S pechtart i n D eutschland. Er stellt aufgrund der Färbung seines Federkleides – grüner Rücken, gelbgrüner Bürzel, rote Kopfplatte, schwarze Gesichtsmaske - eine prachtvolle Erscheinung mit exotischem Flair dar. Junge Grünspechte haben blassere Farben, oberseits helle Flecken und unterseits dunkle Flecken.

 

Er fällt vor allem durch seine Balzrufe und sonstigen Rufe auf. Letztere können während des gesamten Jahres vernommen werden. Sein meist mehrsilbiger Ruf ähnelt einem gellenden Lachen „kjückkjückkjück“. Zur Balzzeit wird dieser Ruf zu einer längeren Strophe ausgebaut, der sich etwa wie folgt anhört: „klüklüklüklüklü“. Verbreitung und Lebensraum

 

Der Grünspecht ist nahezu in ganz Europa – mit Ausnahme weniger Gebiete im Norden (u.a. Irland, Schottland, Nordskandinavien, Nordrußland) und Süden (u.a. südl. Griechenland, Mittelmeerinseln) – als Brut- und Jahresvogel verbreitet. Mehr als 90 % seines weltweiten Verbreitungsgebietes befindet sich in Europa. Er ist sehr standorttreu und zeigt nur geringe Ausbreitungstendenz.

 

Er kommt überall dort vor, wo es für die Anlage von Höhlen geeignete Bäume und ausreichend Ameisen (seine Hauptnahrung) g ibt. Sein Lebensraum umfaßt h alboffene Wälder, Streuobstwiesen, Parks, Gärten und städtische Brachflächen. Mitbewohner des Lebensraums Mitbewohner in den Lebensräumen des Grünspechts sind eine Reihe von schützenswerten Säugetier-, Vogel- und Insektenarten.

 

Aus der Fülle der Arten werden beispielhaft folgende erwähnt: Igel, Waldspitzmaus, Großer Abendsegler, Siebenschläfer, Haselmaus, Steinkauz, Grauspecht, Kleinspecht, Wendehals, Neuntöter, Gartenrotschwanz, Grauschnäpper, Feldsperling, Hornisse. Es lassen sich im Lebensraum bis zu 3000 Tier- und Pflanzenarten nachweisen.

 

Bestand und Bestandsschwankung

Der Grünspecht ist seit Jahrzehnten die zweithäufigste Spechtart (nach dem Buntspecht). Der europäische Brutbestand des Grünspechts ist in 2004 auf ca. 820.000 Brutpaare geschätzt. worden. Der aktuelle deutsche Bestand schwankt zwischen 42.000 bis 76.000 Brutpaaren. In NRW ist der Grünspecht neuerdings fast flächendeckend verbreitet. Sein Bestand beträgt hier aktuell ca. 11.000 Reviere. Im Kreis Heinsberg wird sein Bestand auf bis zu 200 Brutpaare geschätzt. Er war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland regional teilweise die häufigste Spechtart (z.B. im Münsterland). Ab der 60er Jahre hat er im Zusammenhang mit Kältewintern deutliche Bestandsrückgänge erlitten. Nach milden Wintern in den 80er und 90er Jahren stieg der Bestand wieder deutlich an.

Sucht seine Nahrung gezielt auf Böden  mit Störstellen  Foto: NABU/ Thomas Munk
Sucht seine Nahrung gezielt auf Böden mit Störstellen Foto: NABU/ Thomas Munk

Die Bestandszunahme hat bis heute angehalten. Die Gründe für diese Entwicklung können wahrscheinlich in der Verringerung des Pestizideinsatzes in Gärten und Parks und in der Zunahme von Industriebrachen gesehen werden.

 

Dies hatte zur Folge, dass sich die Ameisenbestände stark erhöht haben und damit einhergehend das Nahrungsangebot für den Grünspecht deutlich verbessert hat. Dadurch ist es dem Grünspecht gelungen, vor allem Ballungsräume verstärkt zu besiedeln.

 

Die ornithologischen Bestandserfassungen neuerer Zeit haben ergeben, dass sich der bundesweite Bestand des Grünspechts zwischen 1991 und 2011 um 105 % erhöht hat. Anzumerken ist allerdings, dass der Grünspechtbestand zwischenzeitlich von 2009 bis 2011 wohl witterungsbedingt abgenommen hat (Abnahme ca. 17 % infolge kalter Winter).

 

Verhalten und Lebensweise

Der Grünspecht erreicht seine Geschlechtsreife bereits nach einem knappen Jahr. Seine Balzgesänge beginnen bereits ab Januar. Sie erreichen ihren Höhepunkt in der Zeit von März bis Mai. Die Paare führen in der Regel eine Saisonehe.

 

Da er Höhlenbrüter ist, sind alte Bäume für ihn besonders wichtig. Die Höhlen werden in ausreichend dicken Bäumen in 3m bis 10m Höhe von Männchen und Weibchen angelegt, wobei der Höhlenbau gleichzeitig der Paarbindung dient.

 

Häufig werden mehrere Höhlen gebaut, die teils in Folgejahren genutzt werden. Das Nest besteht am Grund der Höhle aus einer dünnen Schicht aus Holzspänen. Die Eier werden von April bis Mai gelegt. Das Gelege umfaßt 5-8 weiße Eier. Bei dem Brüten wechseln sich Männchen und Weibchen ab. Falls die Brut nicht erfolgreich ist, wird sie ein- bis zweimal wiederholt. Die Eier werden 14 bis 17 Tage lang bebrütet.

 

Die Jungen werden nach 23 bis 27 Tagen flügge und werden nach dem Ausfliegen noch einige Wochen von den Eltern betreut. Im August trennt sich das Paar wieder. Nahrung Der Grünspecht lebt hauptsächlich von Ameisen. Auch seine Jungvögel füttert er ausschließlich mit Ameisen. Zu einem geringeren Teil frißt er auch andere Insekten, wie Regenwürmer, Schnecken oder Beeren und Obst.

 

Seine Nahrung sucht er gezielt auf Böden mit Störstellen oder geringer Vegetation (daher auch sein Name Erdspecht). Die Nahrung wird meistens geschickt mit der bis 10 cm langen klebrigen Zunge aufgenommen. Er hat die längste Zunge von allen europäischen Spechtarten. Seinen Schnabel setzt er als Werkzeug ein, indem er Löcher in den Boden und in Holzstümpfe bzw. in Ameisennester schlägt.

 

Historisches und Legendäres

Der Grünspecht ist aufgrund seines auffälligen Verhaltens und Aussehens schon lange den Menschen bekannt. Er gehört zu den Vogelarten, die schon in grauer Vorzeit in die Nähe des Göttlichen gerückt worden sind. So hat sein Trommelwirbel wohl unsere Vorfahren, die Germanen, inspiriert, ihn dem Hammergott Thor zuzugesellen.

 

Auch bereits der griechische Naturwissenschaftler und Philosoph Aristoteles hat den Grünspecht gekannt und über ihn eine treffende Beschreibung seines Aussehens abgegeben und auf seine auffällige Stimme hingewiesen (vgl. hierzu Conrad Gesners Vogelbuch von 1555, 1669 übersetzt ins Deutsche von Georg Horst).

 

Letzteres enthält einen Kurzbericht zum Grünspecht, wobei neben seiner auffälligen Färbung auch sein Höhlenbau und die Nahrungssuche im Holz erwähnt bzw. bildlich dargestellt worden ist. Als für den Menschen nützliche Arznei wird ein Pulver aus Grünspechtknochen genannt, das zur Behandlung von Nierensteinen zusammen mit Weißwein eingenommen werden soll.

 

In mehreren europäischen Ländern wird der Ruf des Grünspechts als Schrei nach Regen interpretiert, wobei diesbezügliche Legenden verschiedene Sprachräume betreffen. Auch der deutsche Dichter Hermann Löns hat diesen Regenruf erwähnt. Zudem hat auch der auffällige Wellenflug des Grünspecht zur Legendenbildung angeregt (u.a. eine französische Sage).

 

Gefährdung

Folgende Ursachen beinträchtigen den Grünspecht und die anderen Lebewesen seines Lebensraumes:

 

 

1) rapider Rückgang des Grünlands und damit der dortigen Ameisenbestände Ein Großteil des Viehs wird dauerhaft in Ställen gehalten und mit importiertem Futter gefüttert, so dass weniger Grünfutter benötigt wird. Dies hat zu verstärktem Umbruch des Grünlands geführt. Hierdurch wird die Nahrungsgrundlage des Grünspechts stark beeinträchtigt.

 

2) geänderte Nutzung des Grünlands Verbleibende Flächen werden intensiver genutzt (mehr Düngung und Mahd), was ebenfalls das Nahrungsangebot reduziert. Hinzu kommen die negativen Auswirkungen von Pestizideinsatz.

 

3) Verminderung, Umwandlung und Nutzungsänderung von Streuobstwiesen. Seit 1950 sind ca. 70 % der Bestände verschwunden. Die unter 1) + 2) genannten Gründe gelten auch vorliegend. Zudem werden in Streuobstwiesen nicht selten Halbstämme gepflanzt, die für die Anlage von Bruthöhlen ungeeignet sind. 4) intensive forstliche Nutzung von Gehölzen

 

Die Bestandsentwicklung des Grünspechts ist u.a. vom Angebot an Höhlenbäumen abhängig. Der Verlust von alten Bäumen infolge intensiver Holznutzung und übertriebener Vorsichtsmaßnahmen in der Verkehrssicherungspflicht ist leider ein verbreitetes Problem. Angesichts der vorgenannten Aspekte sind die außerhalb der Siedlungsgebiete vorkommenden Grünspecht-Bestände besonders gefährdet.

 

Es muß befürchtet werden, dass Bestandsschrumpfungen eintreten können. Insoweit ist es keineswegs gesichert, dass der Bestand des Grünspecht sein gegenwärtig hohes Bestandsniveau halten kann.

 

Schutzmaßnahmen

1) Höhlenbäume sollten langfristig gesichert und erhalten bleiben. Dies kann u.a. durch die Einrichtung von Altholzinseln, die Verlängerung von Umtriebszeiten und durch den Verzicht auf Umwandlung von Laub- und Mischwäldern in Fichtenmonokulturen begünstigt werden. Der Einsatz von geschultem Fachpersonal mit dem Ziel der Erhaltung schützenswerter Höhlenbäume in der Forstwirtschaft und im kommunalen Bereich ist erforderlich.

 

2) Belassen von Totholz und Stubben in den Grünspechtrevieren

 

3) drastische Einschränkung des Biozideinsatzes. Der NABU versucht, durch vielfältige Aktionen die o.a. Zielsetzungen zu unterstützen. Projekte dieser Art (z.B. Anlage von Streuobstwiesen, Obstverwertung etc.) hat es auch im Kreis Heinsberg gegeben. Ferner fordert der NABU, dass der Schutz von Streuobstwiesen in das Bundesnaturschutzgesetz aufgenommen wird und die Bundesländer, die noch keine ausreichenden Regelungen zum Streuobstwiesenschutz erlassen haben, baldmöglichst nachziehen.

 

Es darf einfach nicht mehr geschehen, dass dieser Lebensraum aus vielerlei Gründen wie u.a. wegen landwirtschaftlicher Intensivnutzung, Straßenbau, Ausweisung von Neubaugebieten ersatzlos vernichtet wird. Auch jeder Bürger, der über Grundbesitz verfügt, kann im Kleinen etwas für den Erhalt des Grünspechts und der Mitbewohner des Lebensraums unter Berücksichtigung der o.a. Schutzmaßnahmen tun.

 

Literatur

Glutz von Blotzheim, Urs & K.M. Bauer (1977), Handbuch der Vögel Mitteleuropas , Band 7, S. 25 ff., Akademische Verlagsgesellschaft Wiesbaden Bauer, H.G., W. Fiedler & E. Bezzel (2005), Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 1, 2. Auflage, Aula-Verlag Niethammer, Günther (1937), Handbuch der Deutschen Vogelkunde, Bd. 3, Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig Mildenberger, Heinz (1982), Die Vögel des Rheinlandes, Band 1, Kilda-Verlag Greven Wink, M., C. Dietzen & B. Gießing (2005), Die Vögel des Rheinlandes (Nordrhein), Atlas zur Brutund Wintervogelverbreitung 1990 – 2000, Band 36, Romneya Verlag und Verlag NIBUK Grüneberg,C. & S.R. Sudmann u.a. (2013), Die Brutvögel Nordrhein-Westfalens, NWO & LANUV Knorr, Edmund (1967): Die Vögel des Kreises Erkelenz, Gesellschaft für Buchdruckerei AG, Neuß Gesner, Conrad (1555/1669): Vogelbuch, Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, 1995 Lieckfeld, Claus-Peter & Straaß, Veronika (2002), Mythos Vogel, BLV Verlagsgesellschaft mbH, München

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