Lebensraum Streuobstwiesen

Blühender Obstbaum (Foto: O. Gellißen)
Blühender Obstbaum (Foto: O. Gellißen)

Als Einleitung in das Titelthema berichtet Martin Temme über die wechselvolle Geschichte, Ursachen der Gefährdung und Möglichkeiten zum Schutz der Streuobstwiesen.

Der Begriff „Streuobstwiese“ ist mittlerweile gebräuchlich für alle hochstämmigen Obstbaumbestände, egal ob es sich um obstbestandene Mähwiesen, Rasenflächen oder Viehweiden handelt. Ursprünglich bezieht er sich im engeren Sinne auf die - vor allem in Mittel- und Süddeutschland üblichen - in unregelmäßigen Abständen verstreut in der Landschaft stehenden Obstbäume. Vielleicht ist es in unserer Region besser, einfach von Obstwiesen zu sprechen. Hierzulande sind eher Block- und Reihenpflanzungen in direkter Ortsrandlage üblich, deren ursprünglich strenge Form aber mittlerweile vielfach Lücken aufweisen. Charakteristisch ist die Mischung von Obstarten und -sorten sowie im Idealfall einer gemischten Altersstruktur.

Wechselvolle Geschichte
Streuobstbau ist eine althergebrachte und weit verbreitete Doppelnutzung des Grünlandes. Sie diente einerseits zur Viehfuttergewinnung - direkt als Weideland oder als Heu – und andererseits zur Obstproduktion.
Vor allem Anfang der 1970er Jahre wurden nicht nur in NRW viele tausend Hektar Obstwiesen gerodet – größtenteils gefördert durch EG-Prämien. Allein im Rheinland sind dieser verfehlten Agrarpolitik in der Hauptrodungsphase mehr als eine Million Obstbäume zum Opfer gefallen. Mittlerweile hat sich die ökologische Bedeutung herumgesprochen und der Erhalt und die Neuanlage werden vielfach - wenn auch nicht immer ausreichend - gefördert. Außerdem fördert die wieder gestiegene Nachfrage nach Streuobstprodukten in manchen Regionen den Erhalt der Bestände.

Gefährdung
Die mit Prämien belohnten Rodungen sind zwar Geschichte, insgesamt gehen die Streuobstbestände aber weiterhin zurück. Dies hat mehrere Gründe: Obstwiesen liegen oft als „Obstgürtel“ am Rand der Orte oder in innerörtlichen Baulücken. Gerade dies ist aber oft Bauerwartungsland. Da die Umnutzung von Obstwiesen zu Bauland eine erhebliche finanzielle Aufwertung bedeutet, ist der Anreiz zum Erhalt der Flächen in solchen Fällen sehr gering. Außerdem sind Obstwiesen vielerorts nicht mehr wirtschaftlich, da ein Vermarktungsnetz, das faire Preise für die Produzenten zahlt, längst noch nicht überall besteht. Die relativ arbeitsintensive, regelmäßige Pflege vieler Bestände findet deshalb oft nicht mehr statt, so dass sie schneller altern und eher absterben, als dies sein müsste. Werden solche Lücken durch Nachpflanzungen von Jungbäumen nicht mehr geschlossen, sind viele prächtige Altbaumbestände bald verschwunden.

 

Schutz
Eine mittlerweile häufig praktizierte und etablierte Art der langfristigen Bestandssicherung ist die „Aufpreisvermarktung“ von Streuobst zur Versaftung, seltener auch zur Herstellung anderer Obstprodukte oder zum Verkauf als Tafelobst. Oft sind es BUND- oder NABU-Gruppierungen, die als Streuobst-Aufpreisvermarkter auftreten. Sie zahlen meist 12,50 bis 17,50 Euro je Doppelzentner Streuobst an die Bewirtschafter, wenn diese sich zum langfristigen Erhalt und zur Pflege ihrer Bestände verpflichten. Auf diese Weise erhalten Obstwiesen neben dem ökologischen auch wieder einen etwas höheren ökonomischen Wert, denn Keltereien zahlen für sonstiges Obst in der Regel durchschnittlich nur fünf bis zehn Euro je Doppelzentner.
Zwar können im Rahmen der Möglichkeiten des Landschaftsgesetztes besonders wertvolle Obstwiesen als Naturdenkmal oder geschützter Landschaftsbestandteil gesichert werden, dies stellt aber unter Umständen durch Nutzungsbeschränkungen und Auflagen einen Eingriff in die Eigentumsrechte der Besitzer dar und wird oft nicht klaglos hingenommen. Dauerhafter Schutz und Pflege der Obstwiesen kann am besten auf freiwilliger Basis der Eigentümer gelingen. Ob hier der Ökologie- und Naturschutzgedanke, die Identifikation mit einem ortsbild- und landschaftsprägenden Kulturlandschaftselement, oder der finanzielle Anreiz durch den Absatz des Obstes den Ausschlag gibt: Ein gewisser Idealismus wird zum Erhalt des Lebensraumes Obstwiese immer notwendig sein.

Tiere und Pflanzen der Obstwiesen
Auch die typischen Obstwiesenbewohner haben bestimmte Ansprüche an ihren Lebensraum. Wann welche Arten in unserer Region zu erwarten sind, beschreibt Martin Temme.

Steinkauz
Auch wenn eine strukturreiche Obstwiese viele Tier- und Pflanzenarten beherbergen kann, der Charaktervogel schlechthin ist und bleibt der Steinkauz. Hier hat er nicht nur im Kreis Heinsberg einen Großteil seiner Reviere. Bei gutem Nahrungs- und Höhlenangebot kann man in unserer Region fast sicher sein, dass er sich früher oder später auf einer geeigneten Obstwiese ansiedeln wird.
Steinkäuze benötigen einerseits eine Bruthöhle, in der sie ihren Nachwuchs aufziehen. Wichtig ist außerdem ein ausreichendes Angebot an Tagesverstecken. Dies können weitere Höhlen oder stammnahe Ansitze auf Altbäumen sein, aber auch gerne von Menschenhand geschaffene Strukturen wie offene Scheunen und Schuppen oder Holzstapel. Zur Nahrung gehören Kleinsäuger wie Mäuse und Ratten, gelegentlich (junge) Vögel, Käfer, Würmer und andere Wirbellose.

weitere Vogelarten
Natürlich gibt es noch weitere Vogelarten, die sich gerne auf Obstwiesen ansiedeln. Insbesondere Höhlen- und Halbhöhlenbrüter finden in ältern Obstbäumen oft einen Brutplatz, des öfteren erweitern auch Nistkästen das Angebot. Für den Kreis Heinsberg typisch sind Hohltaube, Star, Feldsperling, Blau- und Kohlmeise und gelegentlich der Grauschnäpper. Der ebenfalls typische Grünspecht, dessen schallendes Gelächter regelmäßig von Obstwiesen zu hören ist, zimmert im Gegensatz zu den genannten Arten seine Höhle selbst und erweitert somit jährlich den Wohnraum für Nachmieter. Im Gegensatz zu den meisten seiner Verwandten sucht er gerne am Boden nach Ameisen und anderen Kleintieren, was ihm auch den Namen „Rasenspecht“ eingebracht hat. Weitere regelmäßige Brutvögel der Obstwiesen sind Elster, Rabenkrähe, Stieglitz, Buchfink, Misteldrossel, sowie Ringel-, Türken- und manchmal auch die Turteltaube. In Teilbereichen von NRW gehört der Gartenrotschwanz und stellenweise auch der Trauerschnäpper noch zu den typischen Obstwiesenbewohnern. Die wenigen Reviere in unserem Kreis sind allerdings meist in lichtem Kiefern- und Birkenwald zu finden. Neben der ganzjährig anwesenden Amsel treten als Durchzügler und Wintergäste regelmäßig Wacholder- und Rotdrosseln auf, um von auf den Wiesen verbliebenem Obst zu naschen. Auch Saatkrähen und Dohlen durchkämmen auf der Suche nach Bodentieren und der ein oder anderen Walnuss regelmäßig zu Fuß die Wiesen. Ornithologische Raritäten wie Rotkopfwürger oder Halsbandschnäpper, die bundesweit gerne als Leitarten für Streuobstwiesen angeführt werden, sind in unserem Raum nicht anzutreffen. Und es ist lange her, dass die ebenfalls häufig genannten Wendehälse oder Wiedehopfe vereinzelte Obstbaumbrüter unserer Region waren. Auch der ehemals manchmal in Obstwiesen brütende Pirol hat sich vorwiegend in die Pappelbestände des Kreisgebietes zurückgezogen.

Admiral (Foto: P. Feuster)
Admiral (Foto: P. Feuster)

Schmetterlinge
Auffälligster Obstwiesenschmetterling ist der Admiral. Wenn im Spätsommer und Frühherbst das Fallobst die Wiese bedeckt, sitzen manchmal Dutzenden auf den faulenden Früchten und saugen. Besonders beliebt sind Pflaumen und Birnen, an denen er gerne für seine Reise auftankt. Denn der Admiral gehört zu den ziehenden Arten, die in der Regel in jedem Frühjahr wieder neu aus Südeuropa einwandern und vor allem im Oktober den Rückflug antreten. Deshalb trifft man ihn häufig auch weitab von seiner Raupen-Futterpflanzen, der Großen Brennnessel, an. Insbesondere wenn auf der Wiese - zum Beispiel in den Randbereichen - besonnte Brennnesselbestände wachsen dürfen, ist mit der Ansiedlung einer Reihe bekannter Arten zu rechnen. Neben dem Admiral fressen die Raupen des Tagpfauenauges, des Kleinen Fuchses, des C-Falters, des Landkärtchens und manchmal auch des Distelfalters Brennnesselblätter.
Wenn im Frühjahr an den frischen bis leicht feuchten Bereichen das Wiesenschaumkraut blüht, ist meist auch der Aurorafalter nicht weit, der hier seine Eier ablegt. Ansonsten bieten regelmäßig beweidete oder oft gemähte Obstwiesen und -weiden keine optimalen Reproduktionsbedingungen für Tagfalter.
Werden aber zumindest Teilbereiche höchstens ein- bis dreimal im Jahr gemäht oder bleiben auch mal über den Winter stehen, erhöht sich die Artenzahl deutlich. Dann haben auch verschiedene Wiesen-Schmetterlinge wie Ochsenauge, Wiesenvöglein, Kleiner Feuerfalter und Bläulingsarten, selten auch Heufalter (Goldene Acht und Postillion) einen Lebensraum.
Vom Baumweißling, der an seinen dünnen schwarzen Flügeladern gut zu erkennen ist und dessen Raupen an Obstbäumen fressen, sind in unserer Region leider keine Nachweise bekannt.

andere Insekten
Eine bemerkenswerte und imposante Insektenart, die im Kreis Heinsberg noch vereinzelt auf Obstwiesen vorkommt, ist der Hirschkäfer. Die Larven dieses größten deutschen Käfers verbringen fünf bis acht Jahre in Totholz und Baumstümpfen, bevor sie ab Juni mit etwas Glück angetroffen werden können. Mit ihm verwandt und etwas häufiger ist der ebenfalls recht große Nashornkäfer. Seine Larven fühlen sich in bereits recht stark verrottetem Gehölzschnittgut wohl. Nicht nur für diese beiden Käferarten ist es deshalb sinnvoll, zumindest einen Teil des bei Pflegeschnitten anfallenden Holzes als Haufen oder Stapel in der Wiese zu belassen. Ebenso sollten abgestorbene Bäume nicht gerodet, sondern als „lebendiges Totholz“ stehen gelassen werden. Darüber freuen sich dann auch verschiedene Wildbienenarten, die als Nachmieter holzbewohnender Insektenlarven die Fraßgänge zur Anlage ihrer Brutkammern nutzen.
Ebenfalls gerne in Obstwiesen siedeln sich Hornissen an. Hier finden sie hohle Bäume oder auch Schuppen und Scheunen in denen sie ihre Nester anlegen können und meist auch ausreichend Nahrung für sich und ihren Nachwuchs.

Säugetiere
Sind ausreichend viele, geeignete Baumhöhlen und ein gutes Nachtinsektenangebot vorhanden, ist eine Ansiedlung des Braunen Langohres, einer Fledermausart, die ihre sogenannten „Wochenstuben“ zur Jungenaufzucht in hohlen Bäumen oder auch in speziellen Fledermauskästen anlegt, nicht unwahrscheinlich. Für Nahrungsflüge suchen natürlich auch andere Arten, wie beispielsweise Zwerg- oder Breitflügelfledermäuse insektenreiche Obstwiesen auf.
Nicht zu vergessen ist natürlich auch der Igel, für den auf jeden Fall ein Laub- und Reisighaufen liegen bleiben sollte. Ebenso sind Maulwürfe gern unter der Erde auf der Jagd nach Regenwürmern, Engerlingen und anderen Bodenbewohnern.
In einigen Bereichen Deutschlands sind die zur Familie der Bilche zählenden Sieben- und besonders die Gartenschläfer typische Obstwiesenbewohner. Für den Kreis Heinsberg fehlen allerdings seit langer Zeit sichere Nachweise dieser nur im Sommerhalbjahr nachtaktiven Tiere.

Amphibien und Reptilien

Auch für manche Amphibienart sind Obstwiesen von Bedeutung. Infrage kommen hier natürlich vor allem Arten, die nur zum Laichen an Gewässer gebunden sind. Häufige Obstwiesenbesucher sind Erdkröten und Grasfrösche, die allerlei wirbellose Tiere verzehren. Weniger bekannt ist, dass auch die nachtaktiven Molcharten außerhalb der Laichzeit durchaus weitab von Gewässern dort anzutreffen sind. Als Vertreter der Reptilien kommen vor allem Blindschleichen und seltener auch Waldeidechsen in Betracht.

Pflanzen
Anders als bei einigen Tieren ist eine Zuordnung von Pflanzenarten als „typisch für Obstbestände“ schwierig. Die Artenvielfalt und -zusammensetzung hängt sehr stark von der Nutzung und den Bodenverhältnissen ab. Ganzjährig kurz gemähte oder beweidetet Bereiche sind zwar gut als Jagdgebiete für den Steinkauz, bieten aber wenig Entwicklungsmöglichkeit für eine artenreiche Pflanzenwelt. Wünschenswert sind Nutzungskombinationen, die neben kurz gehaltenen Flächen auch ein- bis zweischürige Wiesen und „verwilderte“ Bereiche, die nicht jedes Jahr gemäht werden, berücksichtigen. So ist auf kleinem Raum eine große Artenvielfalt zu erreichen, von denen auch zahlreiche der vorgestellten und andere Tierarten profitieren.

Blindschleiche (Foto: M. Gellissen)
Blindschleiche (Foto: M. Gellissen)
 

Amphibien und Reptilien
Auch für manche Amphibienart sind Obstwiesen von Bedeutung. Infrage kommen hier natürlich vor allem Arten, die nur zum Laichen an Gewässer gebunden sind. Häufige Obstwiesenbesucher sind Erdkröten und Grasfrösche, die allerlei wirbellose Tiere verzehren. Weniger bekannt ist, dass auch die nachtaktiven Molcharten außerhalb der Laichzeit durchaus weitab von Gewässern dort anzutreffen sind. Als Vertreter der Reptilien kommen vor allem Blindschleichen und seltener auch Waldeidechsen in Betracht.

Pflanzen
Anders als bei einigen Tieren ist eine Zuordnung von Pflanzenarten als „typisch für Obstbestände“ schwierig. Die Artenvielfalt und -zusammensetzung hängt sehr stark von der Nutzung und den Bodenverhältnissen ab. Ganzjährig kurz gemähte oder beweidetet Bereiche sind zwar gut als Jagdgebiete für den Steinkauz, bieten aber wenig Entwicklungsmöglichkeit für eine artenreiche Pflanzenwelt. Wünschenswert sind Nutzungskombinationen, die neben kurz gehaltenen Flächen auch ein- bis zweischürige Wiesen und „verwilderte“ Bereiche, die nicht jedes Jahr gemäht werden, berücksichtigen. So ist auf kleinem Raum eine große Artenvielfalt zu erreichen, von denen auch zahlreiche der vorgestellten und andere Tierarten profitieren.

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Fledermäuse im Kreis Heinsberg

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