Lebensraum Feldflur

Foto: P. Feuster  Ernte
Foto: P. Feuster Ernte

Martin Temme berichtet über die Entstehung der großflächigen Kulturlandschaft, den dramatischen Wandel der Landwirtschaft, die Gefährdung vieler Arten und mögliche Schutzstrategien.
Wenn man heute im Kreis Heinsberg, aber auch in anderen landwirtschaftlich genutzten Gegenden unterwegs ist, kann man kaum glauben, dass ohne den Einfluss des Menschen fast überall Wald wachsen würde. Mit der „Erfindung“ der Landwirtschaft in der späten Steinzeit wurden nach und nach immer größere Flächen Offenland geschaffen und dauerhaft als Kulturland genutzt. Erst jetzt war es Licht und Wärme liebenden Tier- und Pflanzenarten möglich, verstärkt heimisch zu werden.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich viele Arten auf die speziellen Bedingungen im offenen Weideland und der Feldflur eingestellt. Je nach Bodentyp und Wasserstand sind vielfach sehr spezialisierte Pflanzengesellschaften entstanden. Einige Vogelarten aus den Steppengebieten wanderten ein und bereicherten die Landschaft.

intensivierte Landwirtschaft
Im Schlepptau der Industrialisierung führte der Einsatz immer kräftigerer Maschinen und spezialisierter Geräte sowie die Entwicklung von künstlichen Düngestoffen und Pflanzenschutzmitteln zu einem dramatischen Wandel in der Landwirtschaft. Jetzt konnten große Flächen entwässert und aufgedüngt, Schädlinge und konkurrierende Wildpflanzen effektiv zurückgedrängt werden. Die Intensivierung der Landwirtschaft brachte mehr Ertrag bei weniger Arbeit und sicherte die Ernte. Die plötzlichen Veränderungen in der Landnutzung verkrafteten aber viele wild lebende Arten nicht.

Heute werden etwa zwei Drittel der Kreisfläche landwirtschaftlich genutzt. Dabei fällt in weiten Bereichen die Intensität auf. Kaum ein Baum oder Strauch strukturiert die Landschaft. Die Feldraine sind artenarm oder im Extremfall nicht mehr vorhanden. Das liegt vor allem daran, dass im Kreisgebiet überwiegend sehr fruchtbare Böden zu finden sind, die als zu wertvoll empfunden werden, um auch mal einige Bereiche nicht optimal ertragsorientiert zu nutzen. Wem bewusst ist, dass auf 60 % der Fläche im Kreis Heinsberg Ackerbau betrieben wird, erkennt schnell die große Bedeutung für die Natur. Selbst bei geringen Dichten leben aufgrund der Flächengröße viele Tiere und Pflanzen auf den Äckern.

bedrohte Vielfalt
Der Lebensraum Acker ist bedroht. Wirtschaftliche Vorgaben der aus Brüssel zentral gesteuerten europäischen Agrarpolitik, aber auch die Verlockungen der chemischen Industrie führten dazu, dass die Artenvielfalt der Tiere im Acker nach dem 2. Weltkrieg um bis zu 85 % zurückgegangen ist.

Folgende Ursachen werden für das Artensterben im Acker verantwortlich gemacht:

  • Durch die Flurbereinigung entstanden große Feldschläge von mehreren 10.000 Quadratmetern Fläche, die in einem Stück bewirtschaftet werden. Übrig blieben relativ kleine Randflächen und wenige „grüne“ Wege als Rückzugsräume für Tiere nach der Ernte.
  • Pflanzenschutzmittel vernichten Ackerwildkräuter, Insektizide neben Schädlingen auch Nützlinge.
  • Mechanisierung: Durch tiefes Pflügen werden Tierbaue im Boden zerstört und das Ackerleben auf den Kopf gestellt.
  • Durch die heute sehr schnelle, weitgehend verlustfreie Ernte verschwinden innerhalb weniger Stunden auf großen Flächen sowohl Deckung als auch Nahrung.
  • Auf immer größeren Flächen werden immer weniger Arten von Kulturpflanzen angebaut. Das früher übliche Brachjahr ist weggefallen.

Schutzstrategien
In einer Studie für das Bundesamt für Naturschutz (DVL & NABU 2005) wurden folgende Empfehlungen für mehr Natur im Acker gegeben. Die Umsetzung funktioniert naturgemäß nur mit der Landwirtschaft. Schließlich hat die Landwirtschaft diesen artenreichen Lebensraum erst entstehen lassen und über Jahrhunderte gefördert.

Die wichtigsten Punkte für mehr Artenvielfalt im Acker sind:

  • Klare Ziele zum Anteil geschützter Flächen und der zur erreichenden Artenvielfalt setzen.
  • Lasst bunte Wiesen wieder blühen: Erfolgsmodell der Grünlandsonderstandorte weiterentwickeln und auf „normale“ Grünlandstandorte übertra-gen.
  • Die „Stiefkinder“ aufwerten: Naturschutz auf 5 % der Ackerflächen! Landschaftselemente in ausgeräumte Landschaften einbringen.
  • Vom Betrieb aus denken: Betriebsentwicklungspläne mit Naturschutzausrichtung fördern.
  • Landwirte für Naturschutzleistungen fair honorieren: Agrarförderung umschichten.
  • Landwirte und die breite Öffentlichkeit für Agrarumweltprogramme gewinnen.
  • Agrarumweltprogramme in Partnerschaft entwickeln und umsetzen.
Foto: NABU  Steinschmätzer
Foto: NABU Steinschmätzer

Ziel: artenreiche Kulturlandschaft
Es kann niemand ernsthaft wollen, dass zugunsten romantisch-verklärter Landwirtschaft „anno dazumal“ die erhebliche Arbeitserleichterung und -beschleunigung durch die Errungenschaften moderner Technik zurückgedrängt werden. Sehrwohl aber ist es möglich, nicht immer auch noch das allerletzte Stückchen Boden intensiv zu nutzen. Ein Hauptziel seitens des Naturschutzes ist eine große Biodiversität, also eine hohe Vielfalt an Arten, Lebensräumen und Strukturen. Selbst geringe ökologische Aufwertungen innerhalb der Ackerbaugebiete bringen viel für die Natur. Eingestreute Brachflächen zum Beispiel können eine enorme Vielfalt beherbergen. Sehr begrüßenswert ist natürlich auch der ökologische Landbau, der zwar nicht auf moderne Technik, aber auf Kunstdünger und vor allem auf Pestizide verzichtet. Hier können tatsächlich noch die über Jahrhunderte etablierten Ackerpflanzen und die dazugehörigen Kleinlebewesen, welche dann wiederum einige Vogelarten ernähren, in der Anbaufläche existieren.

Angesichts der nach wie vor hohen Subventionen der Europäischen Union für die Landwirtschaft (40 % des gesamten EU-Etats!) sollten klare Zielvorgaben für den Naturschutz im Acker gemacht werden und die Zahlungen an das Er-reichen dieser Ziele gekoppelt werden. Naturschutzförderungen wie das Kulturlandschafts- oder das Ackerrandstreifenprogramm müssen weiterlaufen, damit Landwirte es sich leisten können, darüber hinausgehend Naturschutz auf Acker- und Grünlandstandorten durchzuführen.

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