Neues aus dem Fledermausschutz im Kreis Heinsberg

Von Michael Straube

14 Fledermausarten wurden in den letzten 27 Jahren im Kreis Heinsberg nachgewie­sen. Von einigen Arten wissen wir viel, weil sie an Häusern leben und oft gefunden und gemeldet werden, etwa die Zwergfledermaus. Von der ebenfalls an Gebäuden lebenden Breitflügelfledermaus kennen wir dagegen nur wenige Quartiere. Umso lieber hat der NABU Heinsberg im Herbst 2015 die erste Auszeichnung für ein Fledermausfreundliches Haus an die Besitzer eines Quartiers dieser Art in Wegberg-Dalheim verliehen. Sie leben bereits seit vielen Jahren mit Fledermäusen am Haus und haben ihr Dach sogar fledermausfreundlich umgebaut.

Das erste ausgezeichnete Fledermausfreundliche Haus im Kreis Heinsberg

Im Rahmen des vom Landesumweltministerium NRW geförderten Projektes „Fledermausfreundliches Haus“ des NABU NRW werden Besitzer von Fledermaus­quartieren und Hausbesitzer, die neue Quartiere schaffen, ausgezeichnet. Außerdem bildet das Projekt Fledermausbotschafter aus, die Quartierbesitzer über die Nützlich­keit und Ungefährlichkeit der Tiere aufklären und für den Erhalt von Quartieren und den Schutz der Tiere werben. Im Kreis Heinsberg wurden 2015 bereits mehrere Quartiere ausgezeichnet, bis Ende 2016 sollen es mindestens 50 Quartiere werden. Weitergehende Informationen zum Fledermausfreundlichen Haus NRW erhalten Sie beim Autor und unter:

 

nrw.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/fledermausfreundliches-haus/index.html

 

Dort finden Sie auch die Bauanleitung für ein einfaches Fassadenquartier sowie den Bewerbungsbogen (siehe www.fledermausschutz.de/2013/12/01/bewerbungsformular-fledermausfreundliches-haus/). Einfach und preiswert kann man gute Quar­tiere im Rahmen einer ohnehin anstehenden Dach- oder Fassadenrenovierung schaffen (siehe Fotos).

Quartierschaffung im Rahmen einer Dachsanierung: Latten als Abstandshalter für ein Quartier am Schornstein, am Ende bildet ein etwas weiter abstehendes Blech unauffällig den Zugang für Fleder­mäuse.

Quartierschaffung im Rahmen einer Dachsanierung: Einbau von Fledermaus-Flachkästen unter offenen Fledermausziegeln, Schaffung von Spaltenquartieren am Dachabschluss.

Von der Anschaffung vermeintlich preiswerter Holz-Fledermauskästen in Handel oder Internet und ihrer Aufhängung an Häusern rät der NABU Heinsberg ab. An Gebäuden leben v.a. Spaltenbewohner in engen Spalten. Wenn es fertige Kästen sein müssen, wird auf die haltbaren und erprobten, wenn auch teureren Modelle aus Holzbeton ver­wiesen (Hersteller u.a. Schwegler und Strobel). So oder so kann die Neuannahme von Quartieren mehrere Jahre dauern.

 

Seit Herbst 2012 erfasst der NABU Heinsberg verstärkt die Nutzung von Vogel- und Fledermauskästen durch Fledermäuse, insbesondere zur Zugzeit im Frühjahr und Herbst. Regelmäßig werden die Kästen von Großen Abendseglern und Braunen Langohren als Quartiere angenommen, hin und wieder von Zwergfledermäusen, im Norden des Kreises auch von Fransenfledermäusen. Braune Langohren und Fran­senfledermäuse bilden hier auch Wochenstuben (Gruppen von Weibchen mit ihren Jungen). Von Großen Abendseglern sind im Kreis Heinsberg bislang keine Wochen­stuben bekannt, wohl aber wenige Kilometer weiter nördlich im Kreis Viersen bei Elmpt und Brüggen. Daher ist auch bei uns mit Fortpflanzung zu rechnen. Häufig werden Abendsegler zur Zugzeit sowohl in Kästen im Norden als auch im Süden des Kreises gefunden. Seit 2012 werden sie mit Ringen (besser: Unterarmklammern, die die Flughaut freilassen, siehe Foto) markiert, um mehr über ihre Wanderungen zu erfahren.  Inzwischen wurden mehr als 20 markierte Tiere wiedergefunden, immer in den Kastengruppen ihrer Beringung. Sie sind also sehr quartiertreu. Die Zahl der in den Kästen erfassten Abendsegler nahm aber in den letzten Jahren ab, möglicherweise eine Folge der zahlreichen Windparks, die die Tiere zwischen ihren Sommer- und Winterlebensräumen zweimal im Jahr queren müssen. Leider liegen noch keine Wiederfundmeldungen der Tiere aus anderen Regionen vor. Daher werden inzwischen auch Haarproben gesammelt, mit denen grob bestimmt werden kann, wo die Tiere die Zeit ihres sommerlichen Fellwechsels verbracht haben. Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass nur ein Teil der Tiere im Rheinland bleibt. Viele Tiere übersommern in den östlichen Bundesländern und zumindest einzelne noch viel weiter nordöstlich – echte Lang­streckenflieger!

Große Abendsegler in einem Fledermauskarten in Wegberg und in der Teverener Heide bering­tes, nach  zwei Jahren dort wiedergefundenes Tier

Um noch mehr über den Fledermauszug zu erfahren, hat der NABU Heinsberg vom Frühjahr bis zum Herbst 2015 fünf (im Frühjahr sechs) Daueraufzeichnungen im Kreis Heinsberg und im Süden des Kreises Viersen betrieben, die automatisch alle Ultraschalltöne aufzeichnen, damit auch alle (zumindest alle lauten) Fledermausrufe. Die Auswertung der mehreren Hunderttausend Dateien dauerte bei Redaktions­schluss noch an. Es zeichnet sich aber ab, auch durch die Auswertung von Fleder­mausfunden in Kästen im Kreis Heinsberg und in anderen Teilen von NRW, dass die vom Land NRW im Windleidfaden angesetzten Zeiten für die Kartierung und den Schutz v.a. ziehender Fledermäuse an Windenergieanlagen (WEA) von April bis Oktober nicht ausreichen. Bei Beginn der Aufzeichnungen Mitte März waren die Großen Abendsegler zum Großteil bereits abgezogen. Andererseits liegen zahlreiche Aufzeichnungen und Kastenfunde aus dem November vor, teilweise sogar bis in den Dezember. Dies unterstützt die These, dass Fledermäuse früher und später im Jahr aktiv sind und ziehen, als vom Land gedacht. Entsprechend werden sie in diesen Zeiten an WEA nicht geschützt. Da v.a. Weibchen und Jungtiere ziehen, kann ein Eingriff mit vielen Tötungen etwa durch die inzwischen mehr als 26.000 WEA allein in Deutschland (über 130.000 Anlagen in Europa) bei Tieren mit geringer Vermehrungsrate wie den Fledermäusen (1-2 Jungtiere pro Jahr) schnell zu einer massiven Schädigung der europäischen Population führen. Die Sammlung und Auswertung der Daten wurde erstmals von einer Masterstudentin aus Erkelenz durchgeführt, die vom NABU Heinsberg betreut wurde.

 

Das Wissen um Zuggeschehen und Aktivität der Fledermäuse wurde auch in Stellungnahmen zu neuen Windparks in der Stadt Heinsberg eingebracht, wo auch Untersuchungen von Fledermäusen im Kreis Heinsberg in der Höhe stattfin­den werden. Außerdem werden die Anlagen bei Wetterbedingungen mit hoher erwarteter Fledermausaktivität abgeschaltet, aber leider nur von April bis Oktober, obwohl den Betreibern, Gutachtern und Genehmigungsbehörden unsere Daten zur Verfügung gestellt wurden. Der Schutz von Fledermäusen im März und im Novem­ber/Dezember konnte dagegen nicht durchgesetzt werden. Die Krönung des Verfah­rens war jedoch die Forderung des „Gutachters“, dass die Spitzen der WEA mindes­tens 100 m von nachgewiesenen Balzquartieren Großer Abendsegler am Hahnbusch entfernt bleiben müssen. Zu solchen Quartieren, in denen Männchen laut schreien und Weibchen zur Paarung anlocken, die also Fortpflanzungsquartiere sind und zahl­reiche Tiere beherbergen können, sind Abstände von mindestens 500 m angemes­sen und notwendig. Der Nachweis der Balzquartiere zeigt übrigens die große Bedeutung auch kleiner Wälder im waldarmen Kreis Heinsberg für Tierarten, deren Quartiere und/oder Nahrungsgebiete in und an Wäldern liegen.

 

Eine weitere Masterstudentin suchte mit Unterstützung des NABU Heinsberg Quar­tiere von Langohr- und Fransenfledermäusen in Baumhöhlen. Dazu wurden zwei Tieren winzige Sender ins Rückenfell geklebt, so dass sie mit Radioantennen verfolgt und tagsüber die Quartiere gefunden werden können. Die Sender fallen nach kurzer Zeit durch einen lokalen Haarwechsel ab, wenn sie nicht schon vorher von den Tieren abgekratzt werden. Ein Männchen des Braunen Langohrs flog vom Kasten der Beringung nur etwa 400 m nach Süden und nutzte dort eine nur 25 cm starke, gesunde Birke als Tageseinstand. Eine weibliche Fransenfledermaus nutzte in 10 Tagen mindestens vier verschiedene Quartiere in einem 500 m-Radius, darunter eine  nur 35 dicke, ebenfalls vitale Buche, aber auch stärkere Laubbäume sowie vermutlich auch Nadelbäume. Die Ergebnisse der Telemetrie zeigen deutlich, dass keineswegs nur starke Bäume, mit 40, 50 oder mehr Zentimetern Dicke wichtige Fledermausquartiere bieten, sondern auch deutlich schwächere Bäume. Unabhängig davon ist Starkholz für zahlreiche Tierarten von überragender Bedeutung und nicht zu ersetzen. Besonders wertvoll sind Bestände mit einem Alter von mindestens 120-140 Jahren. Sicherlich können die gefundenen und weitere Höhlen im Gebiet nicht nur von den besenderten Arten genutzt werden, sondern es bestehen zahlreiche Quartiere in dickeren Bäumen, die von Großen Abendseglern auch im Winter für den Winterschlaf genutzt werden können. Der späteste Nachweis von Abendseglern in Kästen gelang bei Wegberg-Arsbeck Anfang Dezember 2012, der späteste Nachweis eines Langohrs am 23.12.15. Dass ein Windenergieplaner hier Anlagen unmittelbar am Wald­rand und am Rande des Meinwegs plant, ist für Natur- und Umweltschützer (und das umfasst auch den Klimaschutz) unglaublich und darüber hinaus fahrlässig. Noch­mals: Es sind Winterquartiere der schlaggefährdeten Abendsegler vorhanden und im angrenzenden Kreis Viersen bestehen im Sommer auch Wochenstuben. Zumindest Gebiete mit hoher Bedeutung für schlaggefährdete Fledermaus- und Vogelarten müssen frei von WEA gehalten werden. Wälder, Waldränder und Feuchtgebiete gehören unbedingt dazu.

Fledermausquartiere in schwachen Bäumen: links eine Birke (Mitte) mit einem Quartier des Braunen Langohrs, rechts eine Buche, die Fransenfledermäuse als Quartier nutzen. Vielfach sind an den Quartierbäumen vom Boden aus aber keine Einschlupföffnungen zu erkennen.

Informationen zu Fledermäusen und ihrem Schutz erhält man beim NABU Heinsberg, Michael Straube, Tel. 02434-8094043, straube@fledermausschutz.de und unter www.fledermausschutz.de

Naturblatt 2016

Fledermäuse im Kreis Heinsberg

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