Wieder entfesselt - Die Schwalm

Anfang des letzten Jahrhundert gab es vielerorts Pläne zur Bodenverbesserung durch Be- und Entwässerung (Melioration) großer Flächen sowie die Begradigung von Gewässern. Hierdurch wurde zu damaligen Zeiten knappes Ackerland geschaffen und die Staubarkeit der Gewässer zum Betrieb der zahlreichen Mühlen auch in Trockenzeiten (siehe Infobox „Die Schwalm - Tal der Mühlen“) gewährleistet. Im Jahr 1917 wurde zu diesen Zwecken die Schwalm-Meliorationsgenossenschaft gegründet. Aus der Meliorationsgenossenschaft ging 1938 der Wasser- und Bodenverband der Schwalm und 1971 schließlich der Schwalmverband als Körperschaft des öffentlichen Rechts hervor.

Heute liegen die Aufgaben des Schwalmverbandes vornehmlich beim Hochwasserschutz, erreicht durch den naturnahen Rückbau und die Erhaltung der Gewässer, sowie die Herrichtung, Erhaltung und Pflege von Flächen, Anlagen und Gewässern zum Schutze des Naturhaushaltes, des Bodens und der Landschaftspflege. Dazu betreut der Schwalmverband ein 250 Quadratkilometer; großes Einzugsgebiet in den Kreisen Viersen und Heinsberg sowie im Stadtgebiet von Mönchengladbach mit 230 km Fließgewässern. Die Schwalm selbst entspringt in Wegberg-Tüschenbroich und überquert nach 32 km bei Brüggen die Grenze in die Niederlande um 13 km weiter in die Maas zu münden. Auch kleinere (Neben)Gewässer und zahlreiche andere Anlagen wie Regenrückhaltebecken, Stauanlagen und Fischaufstiege obliegen der Fürsorge des Schwalmverbandes.


Die Schwalm - Tal der Mühlen

Auf deutscher Seite gab es an der Schwalm früher 25 Mühlen, an ihren Nebenbächen weitere 15. Besonders an den Nebenbächen findet man in alten Karten und Aufzeichnungen Hinweise auf weitere Mühlen. Das Schwalmgebiet war vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert das Herzstück des niederrheinischen Flachslandes, welches sich von Erkelenz bis Kaldenkirchen erstreckte. Die Mühlen waren daher von hoher wirtschaftlicher Bedeutung, da sie zur Weiterverarbeitung u.a. des Flachs-, also des Leinsamens, dienten. Es handelte sich somit vornehmlich um Ölmühlen, erst mit Rückgang des Ölfruchtanbaus Mitte des 19. Jahrhunderts gewannen diese als Getreidemühlen an Bedeutung.

Von den 40 genannten Mühlen sind heute noch sieben an der Schwalm und vier an den Nebenbächen erhalten. Viele dieser Mühlen sind zu Restaurants umgewandelt worden.

Durch Trockenlegung und Bebauung gingen in der Vergangenheit viele Flussauen, die als natürliche Retensions-, also Stauräume, für größere Wassermengen dienten, verloren. Zwar fangen künstlich angelegte Regenrückhaltebecken anfallendes Wasser auf, aber ihre Kapazität ist begrenzt. Da zusätzliche Regenrückhaltebecken enorme Kosten verursachen, im Bau und auch bei der Aufrechterhaltung, besann man sich auf einen naturnahen Rückbau der Gewässer um die alten Retensionsräume wieder zu reaktivieren.


Luftaufnahme der renaturierten  Dilborner Benden
Luftaufnahme der renaturierten Dilborner Benden

Auengestaltung Dilborner Benden

Eines der größeren Projekte wurde nach zweijähriger Bauzeit 1997 der Öffentlichkeit präsentiert: Die Auengestaltung Dilborner Benden in Brüggen.

Dazu wurden an die Schwalm angrenzenden Flächen, finanziert durch Mitgliedsbeiträge sowie Fördergeldern aus Landes- und Bundesmitteln, aufgekauft. Auf einer Länge von 2 km wurde die Schwalm entfesselt und, sofern möglich, der Flussverlauf in mäandrierende (schlängelnde) Bahnen verlegt. Dadurch verlängerte sich der Flussverlauf um 600m.

Da aufgrund angrenzender Bebauung u.ä. eine wirklich freie Entfaltung (Dynamik) nicht mehr möglich ist, musste das Gewässer zwangsläufig ein vorgegebenes Flussbett annehmen. Dieses wurde aber natürlichen Flussläufen nachempfunden, so dass die zuvor ausschließlich steilen Ufer, die über weite Strecken mit Brennnesseln und Brombeeren bewachsenen waren, nun flach auslaufen und sich in den Kurven Prall und Gleithänge ausbilden können. Mittlerweile säumen für Auen typische Weichhölzer wie Erlen oder Weiden den Flussverlauf. Während zuvor weite Strecken der Schwalm beschattet waren bilden nun auch sonnenexponierte Bereiche ein Mosaik unterschiedlicher Lebensbedingungen (Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt, Fließgeschwindigkeit, Substrat).

Anstelle von Abstürzen (Bild 1), die verschieden hohe Wasserstände in den unterschiedlichen Bereichen der Schwalm gewährleisten, wurden Sohlgleiten (Bild 2) angelegt, welche eine Durchgängigkeit, also eine Wanderung der Flussbewohner über diese Wasserstandsregulatoren, ermöglichen. Dies kommt nicht nur Fischen, sondern auch vielen anderen Tiergruppen wie Krebsen oder Insektenlarven zu Gute.

Bild 1: Kein Weg zurück -  Unüberwindbarer Absturz
Bild 1: Kein Weg zurück - Unüberwindbarer Absturz
Bild 2: Durchgängie Sohlgleite
Bild 2: Durchgängie Sohlgleite
Biberspuren an der Schwalm
Biberspuren an der Schwalm

Abschnitte der alten Schwalm wurden vom neuen Flussverlauf abgetrennt und blieben als Altarme, nun also stehende Gewässer, erhalten um zusätzliche, vom Fließgewässersystem abweichende Lebensräume zu schaffen. Weitere Stillgewässer in unmittelbarer Flussnähe ergänzen die Altarme und sorgen mit für einen besseren Verbund der Biotope.

Die Umwandlung der angrenzenden Ackerflächen, vornehmlich Maisanbau, in extensiv genutzte Wiesen führte zu einer Verringerung der Belastung an Pestiziden und Düngern durch die Landwirtschaft.

Brüggener Mühle

Erweitert wurde die Maßnahme im Jahr 2000, als an der Brüggener Mühle ein Fischaufstieg hinzu kam. Hierdurch ist es Wasserorganismen nun möglich, das Stauwehr der Mühle zu umwandern. Während in der Vergangenheit Fischtreppen angelegt wurden, welche durch steile Stufen bedingt aber nur von Fischen bestimmter Größe passierbar waren, ermöglicht der Aufstieg, der ähnlich einer Sohlgleite aufgebaut ist, durch die geringere Steigung auch kleineren Organismen das Hochwandern.

Vennmühle

Nach zweijähriger Bauzeit konnte im November 2004 ein weiterer Gewässerausbau abgeschlossen werden. Von der Vennmühle bis zur Brüggener Mühle wurde nun auch hier die Schwalm entfesselt und als Besonderheit der sich vor der B221 liegende Wald als natürlicher Retensionsraum der Überflutung preisgegeben. Der so entstandene Bruchwald ergänzt die früher in dieser Region häufigen Bruchwälder, die im Laufe der letzten Jahrzehnte durch Grundwasserabsenkungen immer weiter zurückgingen.

Probleme

Die Umsetzung solcher Maßnahmen sind immer auch dem Wohlwollen der Anlieger unterworfen, die bereit sein müssen, ihren Grundbesitz für diese Sache zu verkaufen. Hierbei überwiegen die positive Beispiele und die meisten Anlieger sind schnell für diese Maßnahmen zu begeistern. Manche stellen sogar auf eigene Initiative ihr Land kostenlos zur Verfügung, wie u.a. beim Fischaufstieg für die Brüggener Mühle und dem Ausbau des Abschnittes Vennmühle geschehen. Es gibt aber auch Bürger, die überhöhte Summen für wenige Quadratmeter Land fordern und durch langwierige Verhandlungen und Einspruchsverfahren die Projekte verzögern. Die dadurch unnötig in die Höhe getriebenen Kosten müssen letztendlich von den MitbürgerInnen über Beiträge und Steuern bezahlt werden. Durch die Einsparpolitik der neuen Landesregierung ist es ungewiss, ob solche Projekte auch in Zukunft weiter gefördert werden.

Eine Bilanz

Die Erfolge solcher Maßnahmen zeigen sich teilweise schon nach kurzer Zeit. Besucher können nun über weiter Strecken vom Hariksee aus über Born und Brüggen entlang abwechslungsreicher Landschaften bis in das Naturschutzgebiet Elmpter Schwalmbruch nahe der niederländischen Grenze gelangen, während man in der Vergangenheit der schnurgeraden Schwalm und den angrenzenden (Mais)Äckern folgte. Das ganze „Ausmaß“ und der Nutzen für die Natur lässt sich jedoch erst nach einigen Jahren abschätzen. Mittlerweile hat sich eine Gruppe von Bibern, vermutlich an der Maas in den Niederlanden ausgewilderte Elbebiber, in den Dilborner Benden eingefunden, deren markante Spuren (siehe Foto) immer wieder bei Besuchern des Gebietes für Aufsehen sorgen.

Die Hoffnung, einen Biber, oder wenigstens seine Spuren, live und in Farbe zu erleben ist eine Attraktion, die Besucher anlockt und so auch die heimischen Wirtschaft von solchen Naturschutzmaßnahmen profitieren lässt. Kritiker von Umweltschutzmaßnahmen bemängeln immer wieder die immensen Kosten (die gar nicht erst entstanden wären, hätte man die Natur nicht in der Vergangenheit in Mitleidenschaft gezogen), sehen aber nicht, dass bei vielen Personen die Erholung im Grünen hoch im Kurs steht und nach einer Radtour oder Wanderung Geld in den (Eis)Cafés oder bei anderen Einzelhändlern gelassen wird. Dabei sind Besucher auch bereit, weite Anreisestrecken in Kauf zu nehmen; viele der mit Fahrradträgern versehenden Autos haben Nummernschilder z.B. aus Belgien, den Niederlanden, dem Ruhrgebiet oder Aachener Raum. Durch solche Maßnahmen erfolgt eine Aufwertung des Standortes selbst. Wer an sonnigen Wochenenden, sogar an weniger schönen Tagen, das Gebiet besucht stellt sehr schnell fest, dass er nicht alleine ist. Hier wird also nicht bloß Geld für eine Sache ausgegeben, es wird für die Zukunft investiert, was sich auf sehr vielseitige Art und Weise auszahlt.

Weitere Informationen zu Projekten des Schwalmverbandes in Mönchengladbach, Erkelenz, Wegberg und Schwalmtal finden Sie unter www.schwalmverband.de.

Literatur:

Jungbluth, H. & H. Elsner (1989): Die Schwalm – Tal der Mühlen. HeinsbergAutor: Sven Niechoj
Fotos & Abbildungen: Schwalmverband

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