Die vergessene Fledermaus

Fledermäuse in ihrer Wochenstube in Wassenberg, Sept. 2009 (Foto: M. Straube)
Fledermäuse in ihrer Wochenstube in Wassenberg, Sept. 2009 (Foto: M. Straube)

Der NABU–Kreisverband Heinsberg und die LANUV untersuchen eine der seltensten Fledermausarten im Kreis Heinsberg. Ein Bericht von Michael Straube.

Der Kreis Heinsberg hat mit seinen großflächigen Börden und kleinen, oft artenarmen Wäldern scheinbar keinen Platz für besondere und seltene Tierarten. Dies stimmt jedoch nur zum Teil. Mit dem Feldhamster und dem Dunklen Wiesenknopf - Ameisenbläuling, einem seltenen, hoch spezialisierten Schmetterling, kommen schon zwei landesweit vom Aussterben bedrohte und streng geschützte Tierarten im Kreis Heinsberg vor. Biber, Uhu und Wanderfalke erobern den Kreis Heinsberg derzeit zurück. Noch heimlicher als die genannten Arten ist die Wimperfledermaus.

Die Wimperfledermaus ist eine südliche, Wärme liebende Art. Von daher rechneten Fachleute erst einmal nicht mit einem Vorkommen im Kreis Heinsberg. 2005 wurde erstmals ein Tier dieser Art in der Gemeinde Selfkant nachgewiesen, das frei an einer Hauswand unter einem überstehenden Dach hing. Der NABU hatte schon bei seinen Stellungnahmen zu mehreren Straßenplanungen darauf hingewiesen, dass die Art im Kreis Heinsberg vorkommen kann. Bekannt war sie seit langem aus den benachbarten Niederlanden, wo es eine große Kolonie in der Abtei Lilbosch bei Echt gibt und eine zweite, seit wenigen Jahren bekannte, im ehemaligen Kloster Mariahoop, wenige Kilometer westlich von Waldfeucht.

Wimpernfledermaus und Sender (Foto: M. Straube)
Wimpernfledermaus und Sender (Foto: M. Straube)

In den Folgejahren gelangen dem NABU weitere Nachweise in einer Kirche und in einem Winterquartier im Selfkant. Deutlich zu unserem Wissen trug eine Studie der niederländischen Säugetiervereinigung bei: 2007 wurden 7 Tiere aus Lilbosch und Mariahoop mit winzigen Sendern markiert und über mehrere Nächte mit Radioantennen verfolgt. Die Tiere jagten meist in einer Umgebung von sechs, maximal acht Kilometern um die beiden Kolonien und suchten dafür Wälder, Obstwiesen, Alleen und Viehställe auf. Ein Tier schlief auch in Saeffelen und Wehrhagen. Es jagte u.a. am Saeffelbach. Ein anderes Tier flog nach Haaren, jagte dort in Bauernhöfen, übertagte unter überstehenden Dächern und wurde zuletzt mit zwei weiteren Tieren in Selsten nachgewiesen. Die Ergebnisse dieser Studie gingen in ein Artenschutzkonzept für die Wimperfledermaus in den Niederlanden ein, in dem auch eine intensive, grenzüberschreitende Zusammenarbeit gefordert wurde. In der Praxis hatten diese Erkenntnisse in Deutschland leider keinerlei Auswirkungen auf Planungen, obwohl die zuständigen Behörden über die Nachweise informiert worden sind.

Ein großer Erfolg des NABU war 2006 der Nachweis einer Wochenstube der Wimperfledermaus im Rurtal bei Wassenberg. Die Weibchen der Fledermäuse schließen sich im Frühjahr in Gruppen von wenigen bis mehreren Tausend Tieren, so genannten Wochenstuben, zusammen und ziehen gemeinsam ihre Jungen auf. Diese Wochenstube ist die einzige bekannte der Art in Nordrhein-Westfalen und sogar in ganz Norddeutschland. Um mehr über die Tiere, ihre Flugrouten und Jagdgebiete zu erfahren und vielleicht auch weitere Quartiere zu entdecken, wurde der Autor im Frühjahr 2010 vom NABU Kreisverband Heinsberg und vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) NRW beauftragt, ebenfalls Tiere zu besendern und ihre Bewegungen zu verfolgen.

Großer Abendsegler (Foto: O. Gellißen
Großer Abendsegler (Foto: O. Gellißen

 Insgesamt wurden von Juli bis September 2010 sechs Tiere aus Wassenberg besendert und über insgesamt 11 volle Nächte verfolgt. Die Verfolgung markierter Tiere ist auf den ersten Blick einfach: der Sender gibt 50 Impulse pro Minute ab, die mit den altbekannten Radioantennen bei 150 MHz (2 m-Band) empfanden werden können. Im freien Feld funktioniert das prima, bis über ein Kilometer weit in der Ebene. Maximal vier Kilometer wurden vom Wassenberger Burgberg aus nachgewiesen.


Allerdings unterliegen die Radiowellen allen möglichen physikalischen Beeinträchtigungen: Abschwächung aufgrund der Entfernung, Dämpfung durch verschiedenste Materialien, insbesondere Steine und Metall, Brechung, Beugung (auch durch Bäume) und Reflektion, etwa an Gebäuden und Waldrändern (!). Fliegt die Fledermaus sehr zügig, kann sie schnell die Reichweite des Senders verlassen. Aber auch Hindernisse machen die Verfolgung schwierig: im Rurtal sind das Rur und Wurm, die nur wenige Brücken für Autos haben, und nur ein paar mehr für Radfahrer. Die Tiere wurden in den ersten Nächten mit dem Rad, später mit dem Auto verfolgt. Dabei wurde die Antenne außen am Auto so befestigt, dass sie sicher, zur Richtungsbestimmung aber auch noch drehbar war. Ein weiteres Problem der Sender ist ihre geringe Haltbarkeit. Da winzige, sehr leichte Batterien verwendet werden, können die Sender nur etwa 10-14 Tage senden. In Wassenberg wurden maximal 17 Tage nachgewiesen.

Ergebnisse
Vier der sechs untersuchten Tiere jagten in der näheren oder weiteren Umgebung der Wochenstube. Einige übertagten dabei auch in Karken und Eulenbusch. Ein Tier flog mehrfach von seinem Jagdgebiet an der Rur 14 km (Luftlinie) nach Lilbosch, um den Tag in der dortigen Kolonie zu verbringen und abends wieder an der Rur zu jagen. Ein anderes Tier flog nach Ratheim und verbrachte dort mindestens zwei Wochen. Bevorzugte Jagdgebiete waren feuchte Wälder, wie die Ruraltarme bei Karken und Ophoven, aber auch Wälder bei Ratheim, Dohr und Effeld sowie Obstwiesen. Daneben auch Viehställe, wo die Tiere Insekten und Spinnen von Decken und Wänden absammeln. Es ist anzunehmen, dass von den dutzenden Weibchen und ihren Nachkommen auch Tiere in der Myhler Schweiz jagen, auch wenn keines der wenigen besenderten Tiere dort nachgewiesen wurde. Mit seinen vielen Teichen und dem großen Baumbestand ist es ein ideales Jagdgebiet für die Art. Unklar ist, wo die Männchen der Wimperfledermäuse leben. Vermutlich beziehen sie kleine Quartiere und Baumhöhlen. Aufgrund eines Presseaufrufs im September 2010 bekam der NABU zehn Meldungen von frei außen an Gebäuden hängenden Fledermäusen, die allesamt als Wimperfledermäuse bestätigt werden konnten.

Ausblick
Über die Wimperfledermaus ist noch relativ wenig bekannt. Sicher ist jedoch, dass sie eine seltene und nach deutschem und europäischem Recht streng geschützte Art ist. Das gilt auch für ihre Quartiere. Daher muss bei Baumaßnahmen darauf geachtet werden, dass keine Tiere zu Schaden kommen. Flugrouten und Jagdgebiete dürfen nicht ohne Schutzmaßnahmen von neuen Straßen zerschnitten werden, Quartiere müssen erhalten bleiben. Für Arten des Anhangs II der FFH-Richtlinie müssen außerdem Schutzgebiete ausgewiesen werden. Im benachbarten Limburg und in Bayern ist dies geschehen. Der NABU wird im Winter 2010/2011 entscheiden, wie er im Rahmen der Planungen der Ortsumgehung Wassenberg der B221n handeln wird. Sollten unsere Bedenken nicht ernst genommen und eine Trassenvariante geprüft werden, wäre evtl. sogar eine Verbandsklage gegen die Trasse durch die Myhler Schweiz denkbar. Diese Trasse zerstört aber nicht nur die Myhler Schweiz mit ihren bedeutenden Vogel-, Amphibien- und Fledermausvorkommen, sondern bedeutet auch eine unnötig große Strecken- und Brückenlänge sowie eine viel größere Flächenversiegelung als die vom NABU geforderte Trasse. Außerdem wäre eine Alternativtrasse viele Millionen Euro preiswerter!

Zum Schutz der Wimperfledermaus möchte der NABU Kreisverband Heinsberg ein internationales Forschungs- und Schutzprojekt initiieren. Dabei sollen die Vorkommen der Art im Kreis Heinsberg, Limburg und Belgien, die vermutlich alle zusammenhängen, näher erforscht werden, um geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln. U.a. müssen Wochenstuben-Quartiere, wichtige Jagdgebiete und Flugrouten geschützt sowie ein Netz geeigneter weiterer Quartiere aufgebaut werden.

Frei hängende Fledermäuse
und andere Kuriositäten
Fledermäuse hängen in Europa selten frei an Häusern oder an Bäumen, wie man es auf Bildern von tropischen Flughunden sieht. Meistens handelt es sich bei uns um geschwächte, verletzte Tiere. Oft sind es Katzenopfer, die aufgrund schwerer Verletzungen an Knochen und Flughaut nicht mehr fliegen und sich ernähren können.

Es gibt aber eine Fledermausart, die tatsächlich oft frei hängend an Hauswänden zu sehen ist, zumindest wenn man im Bereich des Selfkants wohnt: die Wimperfledermaus. Ein Zeitungsbericht im Herbst 2010 lieferte fast ein Dutzend Meldungen, die allesamt als Wimperfledermaus bestätigt wurden (siehe Abbildung).

 

 

Einzeln hängende Wimperfledermaus in Geilenkirchen (Foto: M. Straube)
Einzeln hängende Wimperfledermaus in Geilenkirchen (Foto: M. Straube)

Aber es gibt auch Hinweise auf Fledermäuse, wenn man die Tiere nicht direkt sehen kann: Braune Langohren fressen gerne große Nachtfalter. Dazu hängen sie sich an trockene, windstille Stellen wie Torbögen oder Terrassenüberdachungen und beißen dort den Faltern die Flügel ab, um nur den fett- und muskelreichen Rumpf zu fressen. Unterhalb dieser Hangplätze können die Hausbesitzer morgens eine Vielzahl von Falterflügeln und ein paar Bröckchen Fledermauskot entdecken. Andere Hausbesitzer wundern sich über kleine Kotkrümel unterhalb von Stellen, die eigentlich nicht von Mäusen zu erreichen sind. Oft handelt es sich dabei um Kot von Zwergfledermäusen, der aus kleinen Spalten am Haus herausrieselt.Unsere kleinste Fledermausart besiedelt nämlich gerne schmale Spalten an Häusern und Dächern, z.B. unter Flachdächern, hinter Wandverkleidungen und Fensterläden. Wichtig: Fledermäuse richten am Haus keinen Schaden an. Sie zerstören keine Bausubstanz und tragen kein Nistmaterial ein. Ihr Kot und Urin können evtl. zu leichten Verfärbungen führen, sind aber gesundheitlich unbedenklich.

Egal, ob Sie frei hängende Fledermäuse, Falterflügel oder unklare Kotfunde beobachten, informieren Sie bitte den NABU Heinsberg. Wir wissen immer noch viel zu wenig über die Fledermäuse im Kreis. Vielleicht haben Sie ja sogar eine sehr seltene Fledermaus zu Gast. Ansprechpartner ist Michael Straube, Tel. 0177-8892450.

AG Fledermausschutz
Fledermausforschung und Fledermausschutz sind Teamarbeit. Zur Verstärkung seines kleinen Teams sucht der NABU daher nach Verstärkung. Gemeinsam sollen die heimischen Nachtjäger besser erforscht und geschützt werden. Die Aktivitäten finden über das ganze Jahr verteilt statt. Im Winter werden die - noch wenigen bekannten - Winterschlafquartiere der Fledermäuse untersucht, im Sommer Fledermauskästen und große Dachstühle. Bei Bedarf werden Fledermäuse mit Netzen gefangen. Daneben soll die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden. Wir wollen Dachbesitzer ansprechen und die Öffnung von Quartieren für Fledermäuse anregen. Noch wichtiger erscheint es uns aber, Berufsgruppen, die ständig mit Fledermäusen zu tun haben, auf die Nützlichkeit der Fledermäuse und die Notwendigkeit ihres Schutzes hinzuweisen. Dazu gehören vor allem Dachdecker, Schornsteinfeger und Architekten. Wer bei Erfassung und Schutz von Fledermäusen im Kreis Heinsberg mithelfen möchte, melde sich bitte bei: Michael Straube, Tel. 0177-8892450, E-Mail: straube@nabu-heinsberg.de.

Anregungen zum Fledermausschutz
Gebäude
An Gebäuden lassen sich zwei Quartiertypen unterscheiden: zum einen große ungestörte und warme Räume, etwa Dächer von Kirchen, Bauernhöfen und anderen großen Gebäudekomplexen. Zum anderen - und das ist die Regel -leben die Tiere in engen Spalten in Fassaden und unter Dächern. Hier reicht es, beim Hausbau oder bei Renovierungen kleine Spalten offen zu lassen, etwa zwischen Mauerwerk und anschließenden Holzbalken. Große Dachstühle kann man Fledermäusen öffnen, indem man Lüftungsziegel aufbohrt und den Tieren so einen Zugang ermöglicht. Innen kann man Spalten aus sägerauhen Doppelbrettern mit ca. 2,5 cm Abstand schaffen, die rundum außen unten verschlossen werden.

Bäume
Auch in Bäumen gibt es diese Quartiertypen: zum einen enge Spalten hinter abstehender Rinde, zum anderen mehr oder weniger große Baumhöhlen von Spechten oder durch Ausfaulung entstanden. Solche Quartiere entstehen nur, wenn Bäume möglichst alt werden können. Ersatzweise kann man Baumquartiere durch Fledermauskästen ergänzen. Bauanleitungen gibt es beim NABU und im Internet, fertige Kästen im Handel. Weitere Anregungen finden Sie u.a. unter auf der Internetseite www.fledermausschutz.de.

Für interessierte Bauherren, Hausbesitzer und Berufsgruppen hat der NABU Heinsberg kostenlos umfangreiche Informationen zum Ausleihen bereit. Kontakt: Michael Straube, Tel. 0177-8892450, E-Mail: nabuheinsberg@aol.com

Fledermaus-(BAT-)Detector
Fledermaus-(BAT-)Detector

Methoden der Fledermauserfassung
Fledermäuse sind vorwiegend nachaktiv, das weiß jeder. Sie fallen i.d.R. weder durch Gesang noch durch Signalfarben oder auffällige Flugmanöver auf wie viele Vögel. Mehrere Arten jagen so nah an Bäumen und Sträuchern, dass sie nicht auffallen. Klein sind sie alle, im Kreis haben die Fledermäuse maximal 40 cm Spannweite. Wie findet man solche Tiere im Dunkeln? Fledermäuse stoßen als Ersatz für ihre schlechten, im Dunklen unzureichenden Augen ständig mehr oder weniger laute Rufe aus. Da diese zum Großteil im Ultraschallbereich liegen, können wir sie meist nicht hören. Mit Hilfe von Ultraschallwandlern, so genannten Fledermaus - Detektoren, sind wir aber in der Lage, Fledermäuse im Dunklen zu finden und ein paar Arten und Artengruppen zu unterscheiden. Mit modernen (und sehr teuren) Geräten kann man heute Fledermausrufe aufnehmen und später am Computer analysieren – ein zeitaufwändiges, nicht immer erfolgreiches Unterfangen - rufen manche Tiere doch sehr leise und viele Rufe ähneln einander sehr. Da man nicht die ganze Nacht über an vielen Stellen suchen kann, hat man automatische Geräte entwickelt, die Fledermaus-Rufsequenzen oder sogar ganze Nächte aufnehmen, so genannte Horchboxen. Diese dienen meist der Feststellung der Fledermausaktivität. Alle Rufe nachzubestimmen ist illusorisch. Es sind aber technische Geräte in der Erprobung, die Fledermäuse automatisch bestimmen sollen. Die beste Methode, Fledermäuse zu bestimmen, ist immer noch, sie in der Hand zu halten, so dass man sie wirklich sieht und Körpermaße nehmen kann. Dies ist möglich, indem man die Tiere –außerhalb der Wochenstubenzeit- in ihren Quartieren aufsucht, etwa in Kirchdächern und Fledermauskästen. Bei ihren Flügen lassen sich die Tiere - je nach Art unterschiedlich gut - mit feinsten Netzen fangen, wie sie auch im wissenschaftlichen Vogelfang üblich sind.

Zwergfledermaus (Foto: O. Gellißen)
Zwergfledermaus (Foto: O. Gellißen)

Sollten sie allerdings einen Vogelfänger mit Netz im Kreis Heinsberg sehen, verständigen Sie bitte umgehend die Polizei oder den NABU. Im Herbst 2010 wurde in Rosenthal ein Vogelfänger auf frischer Tat beobachtet.

Naturblatt 2016

Fledermäuse im Kreis Heinsberg

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